Geschäftsbericht 2014/15 Geschäftsbericht 2014/15
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FORTSCHRITT
04 Aus dem Koffer 01 One Brand

Mit dem ecoDemonstrator 757 haben Boeing und NASA gemeinsam neue Methoden und Materialien ge­testet, um Flugzeuge in Zukunft energieeffizienter und leiser fliegen zu lassen – TUI war als Partner dabei. Zur Erforschung von Giftstoffen in der Atmosphäre hat zudem die Helmholtz-Gemeinschaft ein Messlabor auf der Mein Schiff 3 installiert. Die TUI setzt auf solche Kooperationen zugunsten der Nachhaltigkeit ihrer Airline- und Schiffsflotte.

Jeder kennt das Problem: Am Ende einer langen Fahrt muss das Auto in die Waschanlage, um hunderte rötlichgelber Spuren von der Frontschürze und der Windschutzscheibe zu entfernen – die Überreste von In­sekten, die bei hohem Tempo auf Blech, Kunststoff und Glas geprallt sind. Bei einem Flugzeug passiert dasselbe, allerdings sind die Folgen gravierender: Die toten Kleinlebewesen verschmutzen die Vorderkanten der Tragflächen und verschlechtern die aerodynamischen Eigenschaften. Der exakt kalkulierte Luftfluss wird gestört, der Treibstoffverbrauch steigt.

Was tun? Der Flugzeughersteller Boeing nahm sich mit dem ecoDemonstrator, einer besonders ausgestatteten Boeing 757, des Problems an: Mit der Maschine wurden ganz unterschiedliche Maßnahmen getestet, die das Fliegen der Zukunft energieeffizienter und umweltfreundlicher machen sollen. „Wir haben in Zusammenarbeit mit der NASA verschiedene Beschichtungen auf den rechten Flügel aufgetragen, um festzustellen, ob sich das An­haften von Insekten an der Oberfläche vermeiden lässt“, beschreibt Doug Christensen das Vorgehen. Der Inge­nieur leitet bei dem amerikanischen Unternehmen das ecoDemonstrator-Programm. Er war bei den Testflügen in Louisiana am Regionalflughafen Shreveport dabei, der in einem feuchten Sumpfgebiet liegt: dem idealen Lebensraum für Insekten. Bei 83 Testflügen zählten Boeing und die NASA-Tech­niker rund 40.000 aufgeprallte Bienen, Mücken, Fliegen und andere Insekten auf den Tragflächen des Versuchsfliegers. „Mit einigen der NASA-Beschichtungen konnten wir die Verschmutzung um 40 % reduzieren“, berichtet Christensen. „Das war ein sehr gutes erstes Ergebnis. Wir werden diesen Ansatz zur Reduzierung von Insektenrückständen weiter erforschen, um die Effizienz von Verkehrsflugzeugen zu verbessern.“

»Die Entwicklung nachhaltigerer Flugzeuge schreitet kontinuierlich voran. Es ist auch künftig mit weiteren öko­logischen und wirtschaftlichen Verbesserungen zu rechnen.«

MIKE BRAUNER, Senior Manager für Nachhaltige Entwicklung TUI Group

Voller Einsatz für die Umwelt

Davon profitieren werden dann auch die sechs TUI-Airlines mit ihren 140 Flugzeugen, die bereits heute zum großen Teil von Boeing stammen – 50 weitere sind schon beim amerikanischen Hersteller bestellt worden. Der Reisekonzern ist aber nicht nur als Kunde beteiligt, sondern zugleich auch als Kooperationspartner, der die Boeing-Flugtests finanziert hat. Der Testflieger flog mit einer TUI-Lackierung, und ein internationales Team aus TUI-Piloten und Ingenieuren entwickelte rund 70 Ideen für den ecoDemonstrator. „Darunter waren viele innovative und kreative Einfälle“, sagt Mike Brauner.

Für den Senior Manager für Nachhaltige Entwicklung bei TUI ist TUIs Unterstützung für den ecoDemonstrator ein wichtiger Baustein im Unternehmensengagement für Nachhaltigkeit in der Reisebranche, das eine längere Geschichte hat. Schon vor rund 20 Jahren – als einer der ersten großen Reiseveranstalter überhaupt – widmete sich der Konzern dem Thema. „Wir haben damals angefangen, unsere Reiseziele in den Urlaubsländern zu analysieren“, erzählt Mike Brauner. „Ganz klassisch haben wir mit dem Ressourcenverbrauch unserer Hotels begonnen, dann aber auch die Luft- und Wasserqualität oder die Müllsituation in den Urlaubsländern unter die Lupe genommen.“

Mehr oder weniger instinktiv, so beschreibt es Brauner heute, habe TUI in diesen Jahren gehandelt – und damit das vorweggenommen, was heute gezielt betrieben wird und auch für den Geschäftserfolg immer wichtiger wird: „Wir müssen die drei Säulen des Nachhaltigkeitsengagements – die ökonomischen, gesellschaftlichen und ökologischen Aspekte – sinnvoll und transparent miteinander kombinieren.“ Nur dann buchen die 30 Millionen Kunden, die TUI im Laufe eines Jahres bedient, ihre Reisen und nur dann profitieren die Menschen in den Urlaubsländern, die Umwelt und das Unternehmen.

ECODEMONSTRATOR

2Technologien
werden von Boeing und der NASA
im Rahmen dieser Partnerschaft
hauptsächlich getestet

ACTIVE FLOW CONTROL

Am Seitenleitwerk der 757 führten Boeing und NASA Tests zu verschiedenen Aspekten einer aktiven Strömungskontrolle durch. Dank dieser Technologie könnte sich die Größe des Seitenruders um bis zu 17 % reduzieren lassen, um den Treibstoffverbrauch und die Emissionen von Flug­zeugen zu reduzieren.

20%
höhere Effizienz
des Seitenruders

SCHUTZ VOR SCHMUTZ

Insektenrückstände auf den Flügeln sorgen für mehr Kerosinverbrauch. Mit von der NASA entwickelten Beschichtungen verringerten sich diese Anhaftungen um bis zu 40 %.

-40%
weniger
Verschmutzung

Ausstoß senken – Kosten sparen

Ein wichtiger Aspekt ist der Energieverbrauch der Reise zum oft fernen Traumziel. Vom CO2-Ausstoß des TUI Konzerns entfallen rund 80 % auf die Flüge – und dabei vor allem auf das Kerosin. Ein hoher, aber auch branchentypischer Anteil. „Hier haben wir angesetzt, um Verantwortung für die Umwelt zu übernehmen, und durch einen geringeren Treibstoffverbrauch reduzieren wir natürlich auch direkt unseren CO2-Ausstoß und sparen Kosten“, sagt Brauner. Die im Branchenvergleich relativ junge Flotte wird dazu in regelmäßigen Abständen erneuert. Einen wichtigen Teil bilden mittlerweile die 787 Dreamliner von Boeing. „Die Ingenieure haben innovative Materialien genutzt und das Gewicht extrem reduziert. Damit liegt die Treibstoffeffizienz des Fliegers um bis zu 20 % über der vergleichbarer Modelle.“ Zudem ist das Feed­-back der Kunden ausgezeichnet, die gern mit dem bequemen Fortbewegungsmittel fliegen und des­wegen ebenso gern erneut buchen, sagt Brauner. „Die Entscheidung für den Dreamliner ist damit auch eine ökonomische, die zugleich gut für die Umwelt ist.“

Einen weiteren Schwerpunkt legt TUI auf die Pflege der bestehenden Flotte. Das fängt mit der regelmäßigen Wäsche der Triebwerke an, in denen sich Partikel absetzen – mit der einfachen Maßnahme sinkt der Spritverbrauch. Und auch 30 weitere Beispiele tragen dazu bei: „Wir optimieren die Reisegeschwindigkeiten, um Kerosin zu sparen, wie man es analog vom Autofahren kennt. Bei der Bestuhlung nutzen wir leichtere, modernere Modelle, beim Catering können wir ebenfalls Gewicht einsparen“, berichtet Brauner. All das zusammengenommen spart große Mengen Treibstoff und damit auch CO2: „Wir konnten unseren Kohlen­dioxidausstoß in den vergangenen sechs Jahren um mehr als zehn Prozent mindern.“ Auch der Durch­schnit­ts­verbrauch an Kerosin pro 100 geflogene Passagierkilometer ist gesunken, was nicht nur an den technischen Maßnahmen liegt. „Wir sorgen durch unsere sehr gute Auslastung ebenfalls für gute Werte in diesem Bereich.“

Engagement geht weiter

Mike Brauner ist optimistisch, dass sich diese Zahlen weiterhin verbessern lassen. Er führt dazu die Testflüge mit dem ecoDemonstrator 757 an. Boeing und NASA testeten am Seitenleitwerk der 757 zum Beispiel eine aktive Strömungskontrolle, um die Effizienz des Seitenruders zu steigern. Nach Einschätzung der Ingenieure lässt sich dadurch die Größe des Seitenleitwerks längerfristig um bis zu 17 % reduzieren. Damit wird die Aerodynamik verbessert und zugleich werden Gewicht und Treibstoff eingespart. „Diese Entwicklungen sind sehr spannend“, sagt Brauner. „Die Konstruktion nach­haltigerer Flugzeuge schreitet kontinuierlich voran. Es ist auch künftig mit weiteren ökologischen und wirtschaftlichen Verbesserungen zu rechnen.“

Forschung auf großer Fahrt

Herr Ebinghaus, Sie haben auf der Mein Schiff 3 vier Hightech-Messgeräte eingebaut. Was möchten Sie herausfinden?

EBINGHAUS: Ein Schwerpunkt ist das Thema Quecksilber, da dieses Element eine große Gefahr für Mensch und Umwelt darstellt. Mehrere Hundert Tonnen des hochgiftigen Schwermetalls gelangen jährlich in die Atmosphäre, indem Kohle, Müll und Treibstoffe verbrannt werden. Wenn es regnet, schlägt sich das Quecksilber im Wasser oder im Boden nieder. Über die Nahrungskette reichert es sich in allen Lebewesen an – und kann als Nervengift die Gesundheit stark gefährden.

Wie messen Sie die Umweltbelastung mit Quecksilber?

EBINGHAUS: Wir haben ein Quecksilbermessgerät an Bord, das weitgehend automatisiert während der Kreuzfahrt regionale Daten über die Konzentration des Schwermetalls aufnimmt. Auf diese Weise wissen wir aber noch nicht, woher es kommt. Dafür müssen wir auch die anderen Luftbestandteile analysieren. Mit den Daten eines Schwefeldioxid- und eines Kohlenmonoxidmessgeräts können wir weitere Schlüsse ziehen. Über Satellit haben wir bei uns in Geesthacht jederzeit Zugang zu den Daten und müssen nicht warten, bis wir das nächste Mal auf das Schiff können.

Was werden Ihnen die Auswertungen sagen?

EBINGHAUS: Wenn wir auf dem offenen Meer eine hohe Schwefeldioxidkonzentration vorfinden, stammt diese meistens aus dem Treibstoff, den Schiffe verbrennen. Auf der Mein Schiff 3 können wir so die Abgasfahnen von vorwegfahrenden Schiffen analysieren. Kohlen­monoxid stammt eher aus Industrieprozessen oder von Waldbränden, die als Quecksilberquellen bekannt sind. Die Messungen fließen übrigens auch in ein EU-Projekt, in dessen Rahmen langfristig ein globales Quecksilberüberwachungssystem entstehen soll und wir erstmals zeigen, dass Kreuzfahrtschiffe in diesem Netzwerk eine sinnvolle Ergänzung sein können.

Wozu dient das vierte Messsystem, das Sie installiert haben?

EBINGHAUS: In die so genannte FerryBox wird im Maschinenraum kontinuierlich Meerwasser gepumpt, das an verschiedenen Sensoren vorbeifließt. Sie messen Daten wie den den pH-Wert sowie den Salz-, Sauerstoff- und Chlorophyllgehalt. Alle Informationen fließen in die Datenbank des Küstenbeobachtungssystems COSYNA (Coastal Observing System for Northern and Artic Seas) ein und stehen Forschern weltweit zur Verfügung.

Was ist für Sie der größte Vorteil an der Zusammenarbeit mit TUI Cruises?

EBINGHAUS: Das Unternehmen hat starkes Interesse an Umweltthemen. Das Schiff selbst hat eine Reihe von Technologien an Bord, die etwa den Ausstoß von Schwefeloxiden um ca. 99 %, den von Partikeln um fast 60 % reduzieren. Zudem fährt ein eigener Umweltoffizier mit. Durch die Kooperation können wir nicht nur eine Vielzahl verschiedener Meeresregionen regelmäßig und immer wieder beproben, wir messen auch rund um die Uhr – bei jedem Wetter. So erreichen wir eine große räumliche und zeitliche Ab­deckung. Das ist mit einem Forschungsschiff nur schwer zu erreichen. Ein weiterer wichtiger Punkt sind die Kosten, die in der Forschung immer eine Rolle spielen. Wenn wir ein eigenes Forschungsschiff losschicken, liegen allein die Betriebskosten bei 10.000 Euro pro Tag. Die vier wartungsarmen Messgeräte kosten inklusive des Einbaus einmalig rund 150.000 Euro. Dafür könnten wir sonst gerade mal zwei Wochen forschen.

Helmholtz-Zentrum Geesthacht, Centre for Materials and Coastal Research (HZG)

Das HZG gehört als eine von 18 Einrichtungen zur Helmholtz-Gemeinschaft deutscher Forschungszentren, der größten deutschen Wissenschaftsorganisation mit rund 37.000 Beschäftigten. Am Standort Geesthacht in Schleswig-Holstein beschäftigen sich mehr als 900 Wissenschaftler neben der Materialforschung mit dem Lebensraum Küste. Sie erforschen unter anderem den Einfluss des globalen Klimawandels auf regionaler Ebene und ent­wickeln Werkzeuge für ein Management dieser empfindlichen Landschaften.