Geschäftsbericht 2014/15 Geschäftsbericht 2014/15
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VOLLE KRAFT VORAUS
02 Andale 04 Aus dem Koffer

Die Jungfernfahrt rückt näher, im Sommer 2016 wird die 
Mein Schiff 5 in Dienst gestellt. Während in der Werft im finnischen Turku starke Kräne den riesigen Bug auf das hochmoderne Kreuzfahrtschiff setzen und der Schweißtrupp ganze Arbeit leistet, wacht Projektleiter Peter Heidacker in der Hamburger Zentrale von TUI Cruises über sämtliche Feinheiten. Er hat alles im Blick – von der Montage der zwei riesigen Antriebspropeller bis zu den unzähligen Schrauben an Bord, von denen keine klappern darf.

Zwischen Hamburg und Turku liegen 1.300 Kilometer, doch das Wetter ist an diesem Herbsttag in beiden Städten gleich mies. Schmuddelwetter in der Hansestadt, Schmuddelwetter im südwestlichen Finnland. Peter Heidacker kennt das. „Für jemanden, der sich intensiv mit Kreuzfahrtschiffen beschäftigt, stehe ich erstaunlich häufig im Regen.“ Die Laune lässt sich der Bauingenieur vom Wetter jedoch nicht vermiesen. Ob Dauernieseln an der Waterkant oder nasskalter Seewind in der Werft Meyer Turku Oy: Wenn der 38-Jäh­rige über seine Arbeit redet, merkt man – hier hat jemand seinen Traumjob gefunden. Peter Heidacker ist als leitender Projektmanager für den Bau des jüngsten Zugangs in der Flotte von TUI Cruises zuständig. Am 15. Juli 2016 wird die Mein Schiff 5 in Lübeck-­Trave­münde getauft. Ab dann wird das Kreuzfahrtschiff beinahe 365 Tage im Jahr auf den Meeren unterwegs sein, die ersten Reisen sind ausgebucht. „Wir müssen pünktlich fertig werden, das ist Fakt“, stellt Peter Heidacker trocken fest. Er blickt auf den Zeitplan des Neubaus – noch 271 Tage bis zur Jungfernfahrt, der aktuelle Baufortschritt liegt bei 50 %. Der Projektmanager nickt: „Passt.“

»Ein Kreuzfahrtschiff ist ein komplexes technisches System, in dem alles stimmen muss.«

Name
PETER HEIDACKER
Position
Senior Projektmanager TUI Cruises
Verantwortlich für
alle Neubauten bei TUI Cruises (u. a. Mein Schiff 5)

Stress macht ihm die Aufgabe nicht. Trotz seines noch recht jungen Alters und der schieren Größe des Projekts. „Wir bekommen das hin, das ist schließlich mein Job.“ Das hat ja bei den Schwesterschiffen Mein Schiff 3 und 4 auch geklappt, für diese Neubauten war Heidacker ebenfalls verantwortlich. An seinem Rechner ruft der Pro­jektmanager eine Kamera auf, die Live-­Bilder aus Turku zeigt. Ein Kran bringt gerade den riesigen blauen Bug der Mein Schiff 5 an die richtige Stelle, nun ist der Rohbau für jeden als Kreuzfahrtschiff zu erkennen. Auch der Schornsteinaufbau mit dem markanten TUI-­Smile liegt schon zur Installation bereit. „Jetzt beginnt die spannende Phase, in der das Schiff täglich enorme Fortschritte macht“, sagt Peter Heidacker. In wenigen Wochen wird er für längere Zeit nach Turku fliegen: Verlässt der Neubau das Trockendock, wird die finnische Studentenstadt so lange seine zweite Heimat, bis die Mein Schiff 5 fertig ist.

Wie komplex der Bau eines Kreuzfahrtschiffes dieserDimension ist, zeigt ein komplizierter Plan, der in Peter Heidackers Büro hängt. Zu sehen sind Rauten und Kreise, Linien in verschiedenen Farben. Kurz ­genießt Heidacker die Verwirrung des Betrachters, dann sagt er: „Das ist der Masterplan. Wobei: Eigentlich ist es nur seine Oberfläche.“ Die vielen Details kann eine Skizze an der Wand gar nicht darstellen, diesen Job übernimmt eine umfangreiche Projektmanagement-Software. Ein kurzer Blick in die Datenbank zeigt: Das Bauprojekt der Mein Schiff 5 hat unzählige Posten. Einige davon sind riesig: Allein die zwei Antriebspropeller sind so hoch wie vier Mann. Andere wirken zwar klein, sind deswegen jedoch nicht zu vernachlässigen. „Ein Kreuzfahrtschiff ist ein komplexes technisches System, in dem alles stimmen muss“ sagt Heidacker. Eine nachlässig verschraubte Mutter kann dazu führen, dass es irgendwo klappert. Aber genau das darf nicht sein. Also beginnt in diesem Fall die Suche nach den Ursachen – und das kostet Zeit und Arbeitskraft. „Es hat schon seinen Grund, warum es auf der ganzen Welt nur vier Werften gibt, die Kreuzfahrtschiffe dieser Dimension bauen können“, sagt er. „Es ist sehr viel gebündeltes Know-how nötig, sonst bekommt man das nicht hin.“

ZAHLEN UND FAKTEN ZUM SCHIFFSBAU

5.500
Jahre würde 1 einzelner Mensch für den Schiffsbau brauchen
77
Stahlblöcke verschmelzen insgesamt zum neuen Schiff
2.000
Mitarbeiter arbeiten in der heißen Phase parallel an der Mein Schiff 5
22.000
Tonnen Stahl werden insgesamt auf der Mein Schiff 5 verbaut
50.000
Quadratmeter Teppich müssen in der Innen­einrichtung verlegt werden
300.000
Liter Farbe werden für den Innen- und Außenbereich benötigt

ABLAUF SCHIFFSBAU

Die Mein Schiff 5 wird in der Werft in der mo­­du­­laren Bauweise konstruiert. Diese ist nicht Standard beim Bau von Kreuzfahrtschiffen, die Arbeitsweise hat sich aber für die Neubauten der Mein Schiff Flotte als besonders effizient erwiesen. Übrigens: Solange das Schiff gebaut wird, besitzt die Werft das Hausrecht auf dem Schiff. Die Crew übernimmt erst am Tag der Indienststellung.

IN SECHS BAUABSCHNITTEN ZUM FERTIGEN SCHIFF

Deck 15: Sonnendeck
Deck 2–14: Kabinen,
Restaurants, Unterhaltung
Deck 0–1: Technik
01 02 03 04 05 06
Planungsphase
Die gesamten Schiffsdaten werden festgelegt; das Schiff entsteht als 3D-Modell, der Masterplan wird aufgestellt.
Designphase
Auswahl von Design, Farben und Materialien; Computer­bilder der Inneneinrichtung entstehen.
Stahlbau
Aus einzelnen Stahlteilen entstehen 77 große Blöcke, die im Trockendock verschweißt werden.
Innenausbau
Einbau und Abdeckung der Rohre, Kabel und Isolierungen; Einrichtung der Restaurants, Bars und Bäder.
Testphase
Probefahrt und erstmaliger Betrieb der gesamten technischen Systeme an Bord.
Indienststellung
Die Crew bezieht die Bereiche, füllt die Lagerräume und übernimmt das Kommando auf dem Schiff.

VOM PLAN ZUM SCHIFF

PLANUNGSBEGINN

Rund drei Jahre vor der Indienststellung beginnt die Planung am Neubau eines Kreuzfahrtschiffes der Mein Schiff Flotte.

BAUBEGINN

Offizieller Baubeginn ist mit Start des Stahlschnitts, der in der Werft Meyer Turku Oy im November 2014 erfolgte.

KIELLEGUNG

Das ist der Beginn der Montage des Schiffes und vergleichbar mit der Grundsteinlegung beim Hausbau.

AUFSCHWIMMEN

Beim Aufschwimmen im Januar 2016 wird die Mein Schiff 5 das erste Mal zu Wasser gelassen.

3 FRAGEN AN

Name
RALF CLAUSSEN
Position
Innenarchitekt, Gründer und Co-Inhaber von cm-DESIGN
Verantwortlich für
Teilbereiche des Innendesigns der Mein Schiff 5

Herr Claussen, was macht die Aufgabe des Designs eines Kreuzfahrtschiffes besonders spannend?

CLAUSSEN: Im Unterschied zu Projekten an Land ist die Arbeit anspruchsvoller. Ein Beispiel: Wenn wir in einem Hotel einen Bodenstrahler möchten, dann wird dieser in den Estrich eingebohrt. Auf dem Schiff ist das kom­plizierter, da müssen Sie ein Loch in das Stahldeck schweißen, es von unten deckeln und dabei noch den Brandschutz bedenken. Es ist also nicht alles immer so schnell möglich. Hinzu kommt, dass die De­signphase kurz ist. Es muss schnell vorangehen, daher arbeiten vier Designbüros gleichzeitig in jeweils unterschiedlichen Bereichen, wobei wir von cm-DESIGN die Aufgabe wahrnehmen, alle Gestaltungen im Blick zu haben.

Was ist wichtig, damit man sich auf der Mein Schiff-Flotte wohlfühlt?

CLAUSSEN: Der Gast möchte einerseits in eine Welt eintauchen, die er Daheim nicht vorfindet. Unsere Aufgabe ist es also, eine besondere Atmosphäre zu erschaffen. Andererseits zeichnet sich die Wohlfühl­flotte von TUI Cruises auch durch die Homing-Idee aus. Gerade in den Kabinen geht es darum, mit klei­nen Tricks und Kniffen wie der Auswahl der Bilder oder der Stoffe dem Gast zu vermitteln: Hier darfst du dich wie zu Hause fühlen.

Wodurch zeichnet sich das Innendesign der Mein Schiff 5 in den öffentlichen Bereichen aus?

CLAUSSEN: Der Gast verfügt im öffentlichen Bereich über mehr Platz als auf den meisten anderen Kreuzfahrtschiffen. In Sachen Design macht sich TUI Cruises damit frei vom Wettrüsten um die attraktivsten Fea­tures. Es geht vielmehr darum, dem Gast durch die Gestaltung zu zeigen: Auf dieser Reise können Sie sich wirklich entspannen.

Der Monitor zeigt nun, wie in Turku ein Kraftprotz von einem Kran tonnenschwere Kabinenblöcke auf das Schiff hievt. „Sieht aus wie Riesen-Lego“, sagt Heidacker, dem es sichtlich Spaß macht, sich das technische Spektakel anzuschauen. Lieferant der Kabinen ist ein Tochterunternehmen der Werft, das sie in einem 100 Kilometer entfernten Werk zusammenbaut. Der Vorteil: Auf dem Schiff selbst sind weniger Arbeiter tätig, was die Logistik erleichtert. Dafür gibt es einen zusätzlichen Nervenkitzel: Auf den Zentimeter genau muss der Kran den riesigen Block an die vorgesehene Stelle setzen, sonst lassen sich die Einheiten hinter­her nicht sauber zusammenschweißen. „Der Kranfahrer hat eine ruhige Hand“, weiß Heidacker. Wie die meis­ten der leitenden Arbeiter in der finnischen Werft kennt er auch ihn. Derzeit sind in der Werft rund 400 Leute tätig. In der heißen Phase werden hier fünfmal so viele beschäftigt sein.

Der Bauingenieur ist gern in der Werft, am liebsten direkt auf dem Schiff, wo beim Schweißen die Funken schlagen und aus den vielen tausend Posten seiner Planung ein Kreuzfahrtschiff erwächst. Aber heute ist sein Organisations-Know-how in Hamburg gefragt. Als leitender Projektmanager überwacht er nicht nur die technische und logistische Seite des Baus, sondern verantwortet auch die Kostenkontrolle. Das Budget in Höhe eines mittleren dreistelligen Millionenbetrags kann es durchaus mit dem Haushalt einer Kleinstadt aufnehmen – schließlich werden ab Sommer 2016 mehr als 2.500 Passagiere und rund 1.000 Crewmitglieder mit dem Kreuzfahrtschiff unterwegs sein. Wie bei der Technik gilt auch beim Etat die Regel: Kein Posten ist zu klein, um ihn nicht ernst zu nehmen. Eine hübsche Idee für die Innenausstattung kann bei 1.267 Kabinen schnell zum Kostenfaktor werden. „Wir wollen den Passagieren eine tolle Qualität bieten“, sagt Heidacker.

Daher ist es wichtig zu erfahren, was den Gästen an Bord wirklich wichtig ist – und welche Neuerungen sie sich wünschen. Dieses Wissen bringt Nicola Hannappel mit. Die Innovationsmanagerin lässt das Feedback auswerten, nimmt dies als Basis für ihre Überlegungen und entwickelt daraufhin Ideen für Neuheiten. Häufig sitzt sie mit Peter Heidacker zusammen, um zu überprüfen, was technisch und finanziell machbar ist. „Die Wünsche sind sehr vielfältig“, sagt sie. Ganz oben auf der Liste: WLAN auf dem Schiff. „Für die Gäste wäre das ein ech­-ter Mehrwert. Aber es ist technisch anspruchsvoll, weil wir uns auf hoher See befinden. Wir arbeiten jedoch daran und können schon bald attraktive Pakete anbieten.“ Lebendig und bildhaft skizziert die Innovationsmanagerin weitere Ideen wie ein Café-Angebot im Bereich der Rezeption oder Kunst an Bord. Wer Nicola Hannappel zuhört, merkt sofort: Hier schwingt echte Leidenschaft mit. „Diese Faszination für die Themen Schiffsbau und Touristik ist wichtig“, sagt ihr Kollege Peter Heidacker. Egal, ob der Projektmanager mit seinem Team in Hamburg vor den Plänen brütet oder in Turku zwischen großen Stahlteilen die Schweißnähte begutachtet: Die besondere Freude, gemeinsam ein neues Schiff vom Stapel zu lassen, ist überall spürbar. „Das ist eben das Besondere am Schiffsbau“, sagt er. „Ob in Hamburg oder Turku, gefühlt ist jeder mit an Bord.“